Ein Anfang

Mäanderlust ist eine Publikation, die mit einem ersten Schritt in Richtung der Vision eines Online-Magazins beginnt, das in jeder Ausgabe zu einem bestimmten Thema mäandriert. Und damit Ausdruck einer Lebens- und Erkenntnishaltung ist, die Mäanderlust genannt werden kann.

Ein Anfang
Montage: Anders Balari, auf Basis eines mit OpenAIs DALL•E erstellten Illustration.

In aller Kürze – oder: An der Mündung

Mäanderlust ist eine Publikation, die mit einem ersten Schritt in Richtung der Vision eines Online-Magazins beginnt, das in jeder Ausgabe zu einem bestimmten Thema mäandriert. Und damit Ausdruck einer Lebens- und Erkenntnishaltung ist, die Mäanderlust genannt werden kann.

Dieser Artikel eröffnet Ausgabe 0 von Mäanderlust. Sie hat noch kein Thema. Was ist Ausgabe 0? Sinngemäß ist sie wie ein Prolog, dessen Umfang vorab nicht bekannt ist. Eine Bewegung in Richtung Ausgabe 1.

Dieser Artikel kann auch als Artikel 0 gelesen werden. Als Prolog, dessen Umfang vorab bekannt ist: er hat genau die Länge dieses Artikels. Er ist eine Bewegung in Richtung des ersten Artikels, in dem nicht bloß die Metaebene bereist wird.

Dieser Artikel führt eine Rubrik und ein Format ein. Das Format nennt sich "Mäander & Mündung", die Rubrik "MetaBene".

Weitere Informationen finden sich auf der Seite https://www.maeanderlust.de/wie-maanderlust-funktioniert/.

In aller Länge und Wildheit – oder: Im Mäandern

Scheiße, das ist viel schwieriger als ich mir vor einem halben Jahr dachte. Vielleicht, weil ich zu wenig über das Richtige nachdachte und zu viel über das Falsche. Und sehr wahrscheinlich, weil ich zu viel dachte als einfach zu machen.

Am Anfang dieser sechs Monate war da eine starke Lust, mehr Intuition als rational Erklärbares, mehr Gefühle als Gedanken und in dieser Phase war da bald dieses Wort, das es noch nicht gab: Mäanderlust.

Natürlich hat es jetzt nicht mehr die gleiche Wirkung auf mich wie bei der ersten Begegnung, kurz nach dem Einfall. Und doch kann ich ungefähr noch nachfühlen, wie das damals war. Es prickelte auf eine angenehme Weise, dieses "Mäanderlust".

Dies hier soll der erste Artikel der Publikation Mäanderlust werden. Zugleich soll er Ausdruck meiner eigenen Mäanderlust sein, ein Zeugnis gelebter Mäanderlust. Das geschieht schon durch sein Format: Mäander & Mündung.[1]

Ich mag dieses Format sehr. Es entstand, nachdem ich monatelang entweder prokrastinierte oder daran scheiterte, einen Artikel in einer der Rubriken zu schreiben und dabei jener Struktur und Vorgehensweise zu folgen, die ich akribisch ausgearbeitet hatte. Sechzehn Rubriken waren es zuletzt. Ein Konzept, das ein Redaktionsteam brauchen würde. Ein Konzept, dessen Anspruch zu einem Ergebnis führen würde, das sich mit wissenschaftlichen Zeitschriften messen könnte.

Irgendwann kapierte ich, dass ich auf einem Irrweg war, zumindest jetzt, in dieser Phase. Bald darauf kapierte ich, was ich stattdessen lieber machen würde: mein inneres Wildpferd galoppieren lassen. Dann anschauen, was dabei herausgekommen ist und daraus etwas weniger Wildes machen, die Essenz eben "In aller Kürze" zum Ausdruck bringend.

Entweder würde ich Mäanderlust auf diese Weise beginnen. Oder ich würde es gar nicht beginnen.

Irgendwann kapierte ich dann auch noch, warum all das vielleicht so ist, wie es ist. Und ich bin hier ja im Abschnitt "In aller Länge und Wildheit", in dem ich mir selbst alles erlaube, was da so kommt, deswegen jetzt noch dieser Mäander.

Vor etwas mehr als 52 Jahren begann ich zu atmen. Vor rund 46 Jahren begann ich tief zu denken – gemessen an meiner ersten Erinnerung daran. Vor rund 30 Jahren begann ich, tiefes Denken beim Schreiben zu erleben. Vor rund 15 Jahren begann ich zumindest sporadisch damit, die nicht nur als Wildpferd zu tun. Vor rund einem Jahr führte das zur Fertigstellung der ersten Fassung meines ersten Romans. Vor rund sechs Monaten hatte ich die Idee für das Online-Magazin Mäanderlust. Es so zu konzipieren, wie ich es letztlich gerne hätte: das war leicht, auch weil mehrere Jahrzehnte relevanter Erfahrungen einfließen durften. Dieses Konzept umzusetzen war nicht nur schwierig, sondern ist momentan nicht möglich. Warum? Weil ich viel weniger als sechs Monate Erfahrung damit habe, Artikel auf die von mir konzipierte Weise zu schreiben – bei der das Wildpferd wenig Raum hat. Vielleicht werde ich das nie können. Es wird sich zeigen. Momentan will ich es auch gar nicht mehr. Ich will endlich loslegen mit Mäanderlust, also der Publikation. Und kann dabei nur darauf zurückgreifen, was ich eben jetzt schon gut genug kann.

Und so eröffnet dieser Artikel nicht die ursprünglich geplante Ausgabe 1 mit dem Titel Kompl{{ex || iziert}}, sondern eine Ausgabe 0, die keinen Titel hat und deren Umfang noch ungewiss ist. Vielleicht bleibt es immer eine Ausgabe 0. Vielleicht auch nicht. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden und auf dem befinden wir uns jetzt endlich: ich als Autor, du als Leser*in.

Als mir das Wort Mäanderlust einfiel, war es sofort sowohl der Titel für das geplante Online-Magazin als auch ein Begriff für eine bestimmte Weise, durch das Leben zu reisen. Nicht als künstlich begradigter Fluss, nicht als eine Vielheit von Regentropfen, sondern eben als ein mäandernder Fluss. Gerne würde ich das näher erklären. Gerne würde ich es einfach stehen lassen. Welches der beiden "Gernes" gewinnt? Ich weiß es noch nicht. Am Ende dieses Artikels werde ich es wissen.

Es gibt eine Aussage, die ich gerne mag und die meiner Ansicht nach auch Ausdruck von Mäanderlust ist:

"Start anywhere and improve from there." – wahrscheinlich Douglas Adams

Warum "wahrscheinlich Douglas Adams"? Als ich sie vor rund 10 Jahren fand, fand ich zugleich eine glaubwürdige Quellenangabe. Die notierte ich mir nicht. Und jetzt finde ich keine mehr. Ich erinnere mich dunkel, das in einem Text von Douglas Adams gelesen zu haben. Aber nicht hell genug.

Irgendwo zu beginnen und von dort aus besser werden, immer wieder, auch das ist also meiner Ansicht nach gelebte Mäanderlust. Sich dabei auch auf die Mäanderlust anderer einzulassen, und damit meine ich nicht nur Menschen: auch das. Freude zu haben am erbaulich Krummen. Anderen ins Wort zu fallen und sich selbst ins Wort fallen zu lassen, wenn es passt, weil es gerade passt, für alle: auch das. Sich über Fachbereiche hinweg zu bewegen, dem Fluss des Interesses folgend: auch das. Auch das: in dieser Logik könnte ich noch viele Sätze schreiben. Oder ich könnte die Inhalte einfach wirken lassen, ohne sie weiter auf der Metaebene zu erklären. Oder ich könnte doch noch versuchen, weiter zu veranschaulichen, was ich unter Mäanderlust verstehe. Wie man's macht, ist es falsch. Oder richtig. Oder beides.

Ein Fluss, der von Menschen begradigt wurde, kann nicht mäandern. Dann steigt seine Fließgeschwindigkeit, seine natürliche Dynamik geht verloren und das System wird kurzfristig effizienter, aber langfristig instabiler. Folgen: Tiefenerosion statt Seitenerosion, Abkopplung der Auen, Verlust von natürlichen Überflutungsflächen, die Wasser zwischenspeichern und Hochwasser dämpfen, verstärkte Hochwasserspitzen flussabwärts, sinkende Grundwasserstände, Rückgang der Biodiversität.

Wenn man einem Menschen nicht gestattet, in Denken und Sein zu mäandern, wird seine innere Dynamik verengt, seine Autonomie eingeschränkt. Exploration, Assoziation und nichtlineare Verarbeitung werden zugunsten linearer, zielgerichteter Muster unterdrückt, was kurzfristig Effizienz und Konformität erhöhen kann. Langfristig führt das jedoch oft zu kognitiver Verarmung, verringerter Kreativität und geringerer Adaptivität.

Der Begriff Mäanderlust steht in diesem Sinne für die Lust, in Denken und Sein bewusst Raum zu schaffen und zu nutzen für Exploration, Assoziation und nichtlineare Vearbeitung. Raum für einen Fluss, dessen Verlauf sich selbst zeigt, während man ihn bereist, dessen Verlauf dabei erst entsteht. Das verträgt sich nicht gut mit der Fokussierung auf ein bestimmtes Thema über eine längere Zeit hinweg.

Wenn ein Mensch hingegen nicht mäandert, sondern herumspringt, fehlt die zusammenhängende Verarbeitung: Aufmerksamkeit, Gedanken und Impulse wechseln sprunghaft ohne Integration, wodurch kurzfristig hohe Reizoffenheit und Ideenvielfalt entstehen können, aber Kohärenz, Tiefenverarbeitung und Anschlussfähigkeit leiden. Folgen: fragmentiertes Denken, geringe Konsolidierung von Inhalten, reduzierte Umsetzungstiefe, erhöhte kognitive Ermüdung, anfällige Selbststeuerung, mögliche Verwechslung von Aktivität mit Fortschritt, zugleich punktuell kreative Einfälle ohne tragfähige Weiterentwicklung.

Der Begriff Mäanderlust steht in diesem Sinne auch für die Lust, in Denken und Sein nicht herumzuspringen, sondern ein gewisses Maß an Zusammenhang anzustreben, nicht Regentropfenvielheit zu sein, sondern eben ein mäandernder Fluss.

Wiederhole ich mich? Bin ich zu sehr auf der Metaebene. Verdammt, irgendwo und irgendwie muss ich ja anfangen. Und an diesem Anfang bin ich halt noch nicht besonders gut darin, Autor und Herausgeber eines Online-Magazins zu sein. Ich könnte es einfach wieder lassen. Oder ich könnte die Zumutung wagen, einfach mit dem zu beginnen, was ich bereits kann.

Was kann ich bereits? Wildpferd sein. Und das kann ich nicht nur, es ist Teil meiner Natur. Diese Aussage wage ich nach mehreren Jahrzehnten, die von wiederholten Versuchen geprägt waren, nicht Wildpferd zu sein, damit nicht aus dem Rahmen zu fallen, der dadurch gesetzt wird, wie die meisten Menschen meiner Beobachtung nach ticken. Boah, es nervt mich selbst, immer wieder so sehr auf Metaebenen unterwegs zu sein, immer wieder so viel über mich selbst zu schreiben und wie ich ticke. Warum mache ich es? Weil es ein Anderssein ist, auf das ich hinweise, um darüber letztlich weniger anders zu sein, um Brücken bauen und benutzen zu können. Warum ist mir das wichtig? Weil ich Gräben sehe, die es nicht geben müsste. Hier möchte ich darauf aber nicht weiter eingehen, das gehört in andere Texte.

Zurück zum Wildpferd: wenn ich Texte schreibe, entsteht wiederholt etwas, das gemäß erhaltener Rückmeldungen eine Sogwirkung auf Lesende entwickelt. Ich weiß mittlerweile, dass das hauptsächlich dann passiert, wenn ich im freien Fluss schreibe und nicht versuche, dem Text eine bestimmte Struktur vorab aufzuzwingen. Das passt leider nicht gut dazu, jene Art von Texten zu schreiben, die derzeit noch zur Vision für Mäanderlust gehören. Schon gar nicht passt es zum Schreiben von Sachbüchern, weshalb ich ein mir wichtiges Sachbuchprojekt seit vielen Jahren umkreise, mich ihm aus unterschiedlichen Richtungen annähere und doch immer wieder nur merke: so funktioniert es nicht. Das Wildpferd funktioniert. Und meine Texte funktionieren fast immer nur dann, wenn das Wildpferd sie schreibt. Und es fühlt sich besser an, währenddessen und danach. Ich erlebe es als authentischer. Im Verwerfen des Vorhabens, gleich und nur mit der Umsetzung der Vision für Mäanderlust zu beginnen, fand sich folgende Aussage ein:

Das Wildpferd weiß nicht, wohin es will. Aber das Wildpferd weiß, wie es dort hinkommen möchte: als Wildpferd.

Also lenkte ich ein: Gut, Wildpferd, du sollst Deinen Willen erhalten.


  1. Mehr zu diesem Format auf der Seite "Wie Mäanderlust funktioniert".↩︎